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19.06.2018

Deutsche Verkehrswacht plädiert für eindeutige Radwege

DVW-Präsident Kurt Bodewig (l.) hatte Hendrik Wüst (r.), NRW-Verkehrsminister, als Gastredner zur Jahreshauptversammlung eingeladen
DVW-Präsident Kurt Bodewig (l.) hatte Hendrik Wüst (r.), NRW-Verkehrsminister, als Gastredner zur Jahreshauptversammlung eingeladen

Eine leicht verständliche und sichere Fahrradinfrastruktur, verpflichtende Notbrems- und Abbiegeassistenten und eine bessere Aufklärung von Pedelec-Käufern – das waren drei Kernforderungen der Deutschen Verkehrswacht bei der Jahreshauptversammlung in Köln.

Das Radfahren ist in den letzten Jahren wieder in Mode gekommen. Viele Berufstätige und Kinder strampeln morgens auf zwei Rädern in die Arbeit, die Schule oder in den Kindergarten. Die Deutsche Verkehrswacht (DVW) beobachtet diese Entwicklung wohlwollend, formulierte auf ihrer Jahreshauptversammlung in Köln deshalb klare Aufgaben an die Adresse der Politik. „Wenn wir mehr Radverkehr wollen, müssen wir die Radfahrenden auch besser schützen“, sagte der DVW-Präsident Kurt Bodewig.

Die 90 Delegierten der DVW einigten sich auf sechs Beschlüsse, von denen vier die Sicherheit von ungeschützten Verkehrsteilnehmern betreffen und damit möglicherweise auch den Schulweg von Kindern sicherer machen.

1. Infrastruktur verbessern

Radverkehrsanlagen sind eigentlich dafür da, Radfahrer im Straßenverkehr besser zu schützen. Doch von Stadt zu Stadt gibt es eine Vielzahl an unterschiedlichen Lösungen von Radwegen, die zum Teil aus Unkenntnis der Planungs- und Baubehörden gegen die vorliegenden wissenschaftlichen Regelwerke verstoßen und mehr Verwirrung unter Fahrrad- wie Pkw-Fahrern hervorrufen, als dass sie jemanden schützen. Beispiele hierfür sind nichtbenutzungspflichtige Radwege oder Schutzstreifen auf der Fahrbahn.

Die DVW fordert deshalb den Gesetzgeber auf, Radverkehrsanlagen verständlich zu gestalten und die Vielfalt der Lösungen sinnvoll zu reduzieren. Grundlage sollten die „Empfehlungen für Radverkehrsanlagen“ (EFR) der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) sein. Radwege, bei denen Kommunen die Benutzungspflicht aufheben, beispielsweise um keinen Winterdienst mehr durchführen zu müssen, sollten zurückgebaut oder sichere Alternativen geschaffen werden, fordert die DVW. Denn nichtbenutzungspflichtige Radwege seien nicht verständlich und dienten grundsätzlich nicht der Sicherheit. Kompromisslösungen wie Schutzstreifen sollten möglichst vermieden werden.

2. Assistenzsysteme einsetzen

Viele Unfälle könnten heutzutage verhindert beziehungsweise in deren Ausmaß abgeschwächt werden, wenn man den Einsatz verfügbarer Technik verbessern und vorantreiben würde. Die Delegierten stimmten deshalb für einen Antrag des wissenschaftlichen Beirats, die Technik der automatischen Notbremse sukzessiv auf alle Unfallarten anzupassen. Das heißt: Der Notbremsassistent für Pkw muss auch Radfahrer sicher erkennen können. Pkw-Hersteller sollten durch neue Bewertungskriterien von Verbrauchertests zur Weiterentwicklung motiviert werden. Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) geht davon aus, dass durch entsprechend optimierte Notbremsassistenten bei etwa 43,5 Prozent aller schweren Pkw-Unfälle Radfahrer und Fußgänger vor einer Kollision besser geschützt werden.

In diesem Zusammenhang soll auch der Abbiegeassistent für Lkw endlich zur Pflicht werden, um vor allem die Zahl der getöteten und schwer verletzten Radfahrer zu reduzieren. Der Abbiegeassistent für schwere Lkw könnte pro Jahr 28 Radfahrern das Leben retten und etwa 100 der schweren Verletzungen verhindern, wie eine Hochrechnung der UDV ergibt. Siegfried Brockmann, Leiter der UDV, hatte in einem Vortrag am Vortag deutlich gemacht, dass jeder zweite Unfall mit einem Lkw ein Rechtsabbiegeunfall ist. Zwei Drittel der schweren Unfälle hätten durch einen elektronischen Abbiegeassistenten verhindert oder abgeschwächt werden können.

3. Pedelec-Sicherheit erhöhen

Fahrräder mit elektrischer Tretunterstützung - oder kurz: Pedelecs - erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit. Rund drei Millionen Pedelecs befinden sich auf deutschen Straßen, der Bestand wächst jährlich im zweistelligen Prozentbereich. 97 Prozent der Pedelecs unterstützen den Fahrer beim Treten bis 25 km/h, drei Prozent sogar bis 45 km/h, die deshalb nicht mehr zu den Fahrrädern, sondern zu den Kleinkrafträdern zu zählen sind.

Weit über den Zuwachszahlen der Pedelecs liegen jedoch deren Unfallzahlen. Im Jahr 2016 wurden 69 Prozent mehr Menschen bei Unfällen mit Pedelecs getötet als 2015 und 25 Prozent mehr Menschen schwer verletzt. Eine proportionale Unfallentwicklung müsste jedoch zwischen zehn und 15 Prozent liegen.

Als Gründe macht die DVW aus, dass die Hauptnutzergruppe Senioren auf einem Pedelec deutlich schneller unterwegs ist als auf einem Fahrrad. Die Geschwindigkeitsspreizung, häufigere Unfälle im Gefälle und Alleinunfälle seien Indizien, dass die Nutzer ein Problem beim Handling des Fahrzeugs haben. Daher stimmten die Delegierten für die Umsetzung verschiedener Maßnahmen bei Pedelecs, um auf die steigenden Unfallzahlen zu reagieren. Neben intensiver Aufklärungsarbeit und praktischen Kursen zur Funktion und Handhabung sollten bereits beim Kauf eine Einweisung und Probefahrten angeboten werden. Sollten sich die Unfallzahlen weiterhin überproportional entwickeln, seien gesetzgeberische Maßnahmen unausweichlich, formulierten die DVW-Delegierten.

4. Fahrradstaffeln ausbauen

Die Landesverkehrswacht Berlin hatte den Antrag gestellt, dass sich das Präsidium und der Vorstand der DVW bei der Konferenz der Innen- und Verkehrsminister dafür einsetzen, dass bundesweit in allen Großstädten Fahrradstaffeln der Polizei als eigenständige Organisation eingerichtet beziehungsweise bereits vorhandene Fahrradstaffeln personell verstärkt werden. Viele Städte hätten durchweg positive Erfahrungen mit Polizeistaffeln gemacht: Studien zeigen, dass Unfälle mit schweren Personenschäden erkennbar zurückgegangen sind und ein verkehrsgerechteres Verhalten der Fahrradfahrer zugenommen habe, weil die Ansprache durch die Polizei häufiger und auf Augenhöhe erfolge. Dieser Beschlussvorlage stimmten die Delegierten ebenfalls zu.

Unterstützung für die Pläne sagte Hendrik Wüst, Verkehrsminister von Nordrhein-Westfalen, der DVW zu. In seiner Eröffnungsrede pries er die neuen technischen Möglichkeiten der Assistenzsysteme an: „Sie müssen jedoch schneller in die Welt hinaus! Bei solchen Themen ist Ungeduld angebracht“, kommentierte Wüst. Weiterentwicklungen aktueller Notbremsassistenten dürften jedoch nicht mehr abschaltbar sein, damit sich fatale Auffahrunfälle auf der Autobahn nicht wiederholen.

(ms)

Foto : Michael Simon

 

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